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ADHS: Neue Richtlinie für ein jahrhundertealtes Phänomen


Evidenzbasiert - ErklärungIn dem im Juni 2018 veröffentlichten Leitfaden der höchsten Evidenzstufe wurden Prioritäten anders gesetzt.

ADHS und Pharmakotherapie in der S3 Leitlinie 2018

  • Künftig sollen auch für Kinder mit einer mittelschweren ADHS früh im Therapieverlauf Arzneimittel wie Ritalin erwogen werden. Bisher wurde eine unmittelbare Behandlung mit Medikamenten vorrangig für Kinder mit einer starken Ausprägung der psychischen Störung empfohlen.
  • Begrüssenswert: Eine medikamentöse Behandlung bei moderaten Formen solle jedoch abhängig von den Rahmenbedingungen und den Präferenzen der Familie eingesetzt werden.

Neue S3 Leitlinie: ADHS Elterntraining und Schulungen für Erzieher und Pädagogen

Essenzieller Baustein jedes Behandlungsplans soll die sog. Psychoedukation sein: Betroffenen und ihren Familien können dadurch notwendiges Wissen und Strategien zum Umgang mit ADHS erhalten.

Ab Seite 23 sind die Empfehlungen zu Interventionen auf psychologisch-psychotherapeutischer Basis (Psychoedukation, psychosoziale Interventionen, Psychotherapie, Neurofeedback) nachzulesen – Unterstützung für Eltern und Pädagogen schon bei ADHS-Vorstufen:

„… Eine Beratung über angemessenes Erziehungsverhalten von Eltern und Pädagoginnen und Pädagogen (einschließlich Elterntrainings, Erziehertrainings) sollte bei Kindern mit expansiven Verhaltensproblemen (z.B. oppositionellem Verhalten, erhöhter Unruhe, deutlicher Ablenkbarkeit) auch dann angeboten werden, wenn die Kriterien für eine ADHS-Diagnose (noch) nicht erfüllt sind bzw. nicht abgeklärt sind. Hier sollten auch Interventionen angeboten werden, die generell auf eine Stärkung des Erziehungsverhaltens abzielen.

Weitere Eckdaten der neuen S3 Leitlinie ADHS

  • Omega-3-Fettsäuren: Keine Empfehlung für die Supplementierung vpn Omega-3 Fettsäuren nur zum Zweck der Behandlung von ADHS (Die Studienergebnisse sind nicht eindeutig)
  • Diät: Ausgewogene und vollwertige Ernährung sowie regelmäßige Bewegung und Sport sind bedeutend und wichtig. Eine Eliminationsdiät (künstliche Farbstoffe, Nahrungszusätze) kann sich für einzelne Patienten als hilfreich herausstellen.
  • Ernährungsberatung ist ratsam.

Die Leitlinie steht in Kurz- und Langfassung auf der Webseite des AWMF zum Download zur Verfügung.

ADHS: 200 Jahre und älter?

  • Weder Fernseher, Handy, Coac-Cola oder künstliche Geschmacksstoffe, Umweltverschmutzung oder Pestizide konnten daran schuld sein. Das alles gab es Ende des 17. Jahrhunderts noch nicht, als ADHS von dem englischen Arzt Alexander Crichton 1798 erstmals dokumentiert wurde. Er beschrieb es als  „Mental Restlessness“ bei  Menschen, die extrem leicht ablenkbar waren und bereits in jungen Jahren als andersartig auffielen.
  • 1844 wurde der „Struwwelpeter“ von dem deutschen Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann geboren. Er verfasste im Dezember 1844 den ersten ADHS Comic mit handgeschriebenen Zeichnungen und Reimen. Ob Hoffmann am Ende selbst unter den bekannten Symptomen litt? Das „Zappelphilipp-Syndrom“ hat sich  seitdem synonym einen Platz in der Umgangssprache erobert. In den USA ist ein Zappelphillipp ein „Fidgety Phil“.
  • Als „hyperkinetisches Syndrom“ beschreiben die deutschen Psychiater Franz Kramer und Hans Pollow ADHS in den 1930er Jahren.
  • Erst Mitte der 1970er Jahr wurden erste systematische Studien durchgeführt und ADHS klinisch neu bewertet.
  • 2003 erscheint erstmals eine Leitlinie „ADHS im Erwachsenen­alter“ auf der Basis eines Expertenkonsensus‘ mit Unterstützung der Deutschen Gesell­schaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN).

Quelle: Bender, M. „1798“: Zur Geschichte von ADHS bei Erwachsenen, Broschüre von MEDICE